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Englische Literatur (Sprache & Litteratur).

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Englische Literatur (Sprache & Litteratur). 1 EINLEITUNG Englische Literatur, allgemein die gesamte weltweit in englischer Sprache verfasste Literatur, speziell die Literatur Großbritanniens. Die englische Literatur im engeren Sinn lässt sich in drei Phasen gliedern: die der altenglischen Literatur (7. bis 11. Jahrhundert), der mittelenglischen (12. bis 15. Jahrhundert) und der neuenglischen Literatur. Letztere beginnt im 16. Jahrhundert mit der Renaissance. Zählte man lange Zeit die Literaturen Irlands und Schottlands ebenfalls zur englischen Literatur im engeren Sinne, so wird heute zumeist die relative Selbständigkeit einer irischen Literatur und einer schottischen Literatur (teils auch einer walisischen) betont. Des Weiteren siehe auch amerikanische Literatur, australische Literatur und kanadische Literatur. 2 ALTENGLISCHE LITERATUR Im 5. Jahrhundert dehnten die germanischen Stämme der Sachsen, Angeln und Jüten ihr Herrschaftsgebiet auf England aus; aus ihren Sprachen bildete sich das Angelsächsische, die Grundlage des heutigen Englisch. Die Invasoren brachten ihre eigene germanisch-heidnische Dichtung ins Land, von der Runeninschriften sowie später aufgezeichnete Merkverse, Segens-, Rätsel- und Zaubersprüche erhalten sind. Im Zuge der Christianisierung (nach 597) wirkten in Canterbury und York Geistliche und Gelehrte wie Aldheim, Beda Venerabilis oder Alkuin, der Mitinitiator der karolingischen Renaissance, durch ihre in Latein verfasste Literatur. Vermutlich wurde die angelsächsische Dichtung zunächst von so genannten Scops oder Barden mit Harfenbegleitung vorgetragen und auf diese Weise mündlich tradiert. Diese Dichtung war zumeist reimlos und metrisch aus vier betonten Silben und einer nicht festgelegten Anzahl unbetonter Silben komponiert (siehe Verslehre). Ein weiteres charakteristisches Merkmal der altenglischen Dichtung ist der strukturale Stabreim, der aus zwei oder drei betonten Silben mit gleichem Anlaut pro Zeile bestand. Frühe Zeugnisse dieser Art sind in vier westsächsischen Handschriften aus dem 10. Jahrhundert enthalten. Das älteste heute noch bekannte Beispiel ist der metaphernreiche Schöpfungshymnus des northumbrischen Mönchs Caedmon aus dem 7. Jahrhundert, den Beda überlieferte und der seinen Verfasser als ältesten bekannten christlichen Dichter überhaupt ausweist. Darüber hinaus wurden volkstümlich-germanische Umschreibungen biblischer Geschichten und Legendendarstellungen überliefert. Bedeutend sind die Schriften des Dichters Cynewulf und seines Kreises Anfang des 9. Jahrhunderts, z. B. das Erbauungsgedicht Dream of the Rood sowie die religiösen Dichtungen Christ, Fata apostolorum, Juliana und Elene. Ein herausragendes Werk der angelsächsischen Literatur ist das in Stabreimen verfasste Heldenepos Beowulf aus dem 8. Jahrhundert, das, umrahmt von der Schilderung zweier Königsbegräbnisse, das Leben und die Taten des Gautenfürsten Beowulf beschreibt. Deutlich sind hier altgermanische Tugendvorstellungen (Loyalität, Tapferkeit etc.) von christlichem Gedankengut durchdrungen: So untersteht etwa das Schicksal des Helden einem gerechten Gott. Diese für die angelsächsische Literatur typische Vermischung heidnischer und christlicher Ideale ist darauf zurückzuführen, dass bei der schriftlichen Fixierung zunächst mündlich weitergegebener Stoffe die Kirche eine große Rolle spielte; das gesamte erhaltene Schriftgut der Zeit wurde von den Kopisten der Klöster bewahrt - und gegebenenfalls verändert. Außer Beowulf haben sich nur wenige Heldenlieder der angelsächsischen Phase tradiert, und wenn, dann nur in Bruchstücken, wie etwa das Finnsburglied oder die Schlachtendichtung der Zeit. Neben religiösen Texten und epischen Fragmenten (Waltharius-Epos) sind vor allem kürzere lyrische Gedichte mit zumeist elegischem Grundton, so etwa The Wanderer und The Seafarer, überliefert. Die altenglische Prosa behandelt vornehmlich religiöse Themen. Zumeist stammt sie aus den Klöstern im Norden, wo auch Beda Venerabilis' Hauptwerk über die Geschichte Englands, Historia ecclesiastica gentis Anglorum (731), entstand. Der westsächsische König Alfred ließ im Verlauf des 9. Jahrhunderts nicht nur die Historia Bedas, sondern auch zahlreiche andere Schriften aus dem Lateinischen ins Altenglische übersetzen, darunter De consolatione philosophiae (Trostbuch der Philosophie) von Boethius aus dem 6. Jahrhundert. Dieses an Platons Philosophie orientierte Buch hatte großen Einfluss auf die Entwicklung der englischen Literatur und ihrer Sprache. Darüber hinaus ließ Alfred die Angelsächsische Chronik überarbeiten und zahlreiche Gesetzestexte verfassen. 3 MITTELENGLISCHE LITERATUR Mit der normannischen Eroberung 1066 begann eine neue Phase der englischen Literatur, in der das Französische das Englische als Literatursprache verdrängte (Kirchensprache blieb Latein). Dementsprechend nahm der Einfluss der französischen Literatur auf das englische Geistesleben zu. Im 12. Jahrhundert entwickelte sich der anglonormannische Hof zu einem regen Kulturzentrum. Von den Universitäten Oxford (gegründet 1167) und Cambridge (gegründet 1209) wurden zahlreiche - vor allem historiographische - Schriften verbreitet. Bedeutendste Chronik der Zeit ist die Historia regum Britanniae (um 1137, Geschichte der Könige von Britannien) des Geoffry von Monmouth, in der das Leben der britischen Könige von der mythischen Figur Brutus' des Trojaners bis hin zu dem nordwalisischen König Cadwallon (Regierungszeit von etwa 625 bis 634) beschrieben steht - und die auf Schilderungen von Beda sowie auf die Geschichtschreibungen von Gildas und Nennius zurückgeht. Außerdem entstanden Bibelparaphrasen, Streitgedichte und Legendendichtungen. Als Kultursprache konnte sich das Englische erst wieder im 14. Jahrhundert etablieren, was eine Blüte der volkssprachlichen Dichtung - und des geistlichen Mysterienspieles (mystery) um die Heilsgeschichte Christi - zur Folge hatte. Zuvor entstanden nur wenige auf ein Laienpublikum abzielende Texte, vorwiegend Erbauungsschriften. Die mittelenglische Literatur des 14. und 15. Jahrhunderts ist wesentlich variationsreicher als die der angelsächsischen Periode. Insbesondere in der Literatur Südenglands schlug sich der französische und italienische Kultureinfluss nieder. Da es noch keine einheitliche Literatursprache gab, ergaben sich regionale Differenzierungen. Im Norden und Westen Englands belebten Autoren die Tradition der altenglischen Stabreimdichtung neu. Das bedeutendste Werk dieser Art, The Vision of William Concerning Piers the Plowman (entstanden zwischen 1360 und 1400, Peter, der Pflüger), wird heute William Langland zugeschrieben. Es gehört zur damals beliebten Gattung der Traumdichtung, in welcher in Form der Allegorie die Ungerechtigkeit der Welt angeprangert und die Sündhaftigkeit der Menschheit beklagt wird. In The Vision of William ist zudem das Ideal eines Daseins im Einklang mit Gott sowie die Utopie einer aus ihrer institutionellen Starrheit gelösten Kirche heraufbeschworen. Wie in Dantes Göttlicher Komödie, so steht auch hier die Antinomie von himmlischer und irdischer Liebe im Zentrum der Darstellung. Ein weiteres, anonym verfasstes allegorisches Stabreimepos ist The Pearl (um 1370, Die Perle) aus dem Nordwesten Englands. Der Titel spielt auf das Bild der perlenbesetzten Tore des himmlischen Jerusalem an. Ausgehend vom Tod eines kleinen Mädchens preist das elegische Gedicht den Zustand kindlicher Unschuld und endet mit einer ausufernden Vision des Himmelreiches. Im 14. Jahrhundert entstanden zahlreiche Romanzen und Abenteuerbücher in englischer Sprache, darunter Sir Gawain and the Green Knight (um 1370, Sir Gawain und der grüne Ritter), ein nach französischen Quellen geschriebener Ritterroman um den sagenumwobenen König Artus und seine Tafelrunde (siehe Artussage), die wiederum erstmals Geoffrey von Monmouth in seiner Historia regum schriftlich fixierte. Die Handlung geht wohl auf die keltische Mythologie zurück. Daneben wurde im 14. Jahrhundert der Troja- und Alexanderstoff beliebt. 3.1 Geoffrey Chaucer Auch der bedeutendste mittelenglische Dichter Geoffrey Chaucer schrieb zwei psychologisch argumentierende tragikomische Abenteuerromane: Sein Troilus and Criseyde (um 1385, Troilus und Criseyde), über die unglückliche Liebe zweier Adeliger, spielt in Troja und ist eine Adaptation von Giovanni Boccaccios Prosatext Il filostrato (um 1338). The Knight's Tale (um 1382), dessen Stoff ebenfalls auf Boccaccio zurückgeht, fand Eingang in Chaucers vielfältiges, mit Heiligenlegenden und Schwänken durchsetztes Hauptwerk Canterbury Tales (nach 1387, Canterbury-Erzählungen), das nicht nur ein unerschöpfliches Kompendium mittelalterlichen Erzählens darstellt, sondern vor allem auch eine realistisch-humoristische Erzähltradition in England begründete. Als Diplomat mit der Kultur Italiens, als Übersetzer mit der Frankreichs vertraut, machte Chaucer die Literaturen beider Länder in England populär. In seinen eigenen allegorischen Gedichten The Book of the Duchess, The House of Fame (Das Haus der Fama) und The Parlement of Foules (Das Parlament der Vögel) ist der Einfluss französischer Autoren deutlich spürbar. Chaucer diente zahlreichen Autoren des 15. Jahrhunderts in England und Schottland als Vorbild, und wirkte auf zahlreiche Künstler der Folgezeit, namentlich auf William Caxton, John Lydgate, Robert Henryson, William Dunbar und Sir David Lyndsay. In der Nachfolge Chaucers steht auch Sir Thomas Malory, der seinerseits mit Le morte Darthur (um 1460 bis 1470, Der Tod Arthurs) die nachfolgende Artusliteratur nachhaltig prägte und bisherige Variationen des Stoffs zu einer einheitlichen Darstellung verband. Thema der vor dem Hintergrund der Rosenkriege angesiedelten und 21 Bände umfassenden Prosasammlung ist die nostalgische Trauer um den Untergang der Ritterwelt, als deren optimale Herrscherfigur Artus auftritt, sowie die Suche nach religiösem Heil, symbolisiert im Gral. Le morte Darthur ist das erste große Prosaepos der englischen Literatur. 4 RENAISSANCE UND BAROCK Mit der Herrschaft des Hauses Tudor (1485) begann die Phase der neuenglischen Literatur, deren Verbreitung mit der Einführung der Druckerpresse 1476 durch William Caxton noch beschleunigt wurde; erstes gedrucktes Buch war Malorys Le morte Darthur, dessen Titel von Caxton stammt. Parallel hierzu schuf die Ausbildung einer größeren Mittelschicht sowie eine Erhöhung der Alphabetisierungsrate eine umfangreiche Leserschaft. (Allerdings konnte sich die Literatur der Renaissance erst unter Königin Elisabeth I. - im so genannten Elisabethanischen Zeitalter von 1558 bis 1603 - voll durchsetzen.) Auch die Reformation trug zu einer geistigen Liberalisierung bei. Orientiert am Neuplatonismus und dem Bildungsideal Erasmus' von Rotterdam (der zeitweilig selbst in England lebte), förderte der Humanismus das Studium klassischer Literatur und propagierte einen Gelehrtentypus, dessen höchstes Ziel in der Hervorbringung eigener (auch literarischer) Werke bestand. Diesen Vorstellungen gemäß wurden vor allem in Cambridge zumeist an antiken Vorbildern orientierte Schriften produziert. Der bedeutendste humanistische Schriftsteller Englands war Sir Thomas More, der in seinem in Latein verfassten Roman Utopia (1516) einen demokratischen, auf Gemeinschaftlichkeit ausgerichteten Idealstaat entwarf und ihn scharf gegen das von ihm kritisierte englische Staatssystem abzugrenzen suchte. Mit diesem als dialogischen Reisebericht ausgewiesenen Buch begründete More die Gattung der Utopie. Die Lyrikproduktion um 1500 ist vom Versuch geprägt, eine dem Lautwandel des 15. Jahrhunderts angemessene Verskunst zu entwickeln. Unter den Dichtern der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ragt John Skelton heraus, der am Knittelvers orientierte antihöfische und antiklerikale Satiren schrieb, darunter The Bowge of Court (1498, Das höfische Narrenschiff). Nach 1575 wurden vor allem die in den Diensten Elisabeths I. stehenden Literaten Sir Philip Sidney und Edmund Spenser von der stilistischen Vielfalt der italienischen Renaissancedichtung inspiriert. Mit Astrophel and Stella (1591, Astrophel und Stella) begründete Sidney eine literarische Mode des Elisabethanischen Zeitalters: den an der italienischen Sonett-Tradition orientierten Sonettzyklus. Wie in der englischen Literatur des 16. Jahrhunderts öfters, so wird auch in Astrophel and Stella ein an Dante und Petrarca geschultes Idealbild der geliebten Frau entworfen. Mit dem auf antike Vorbilder zurückgreifenden Langgedicht Faerie Queene (Fünf Gesänge der Feenkönigin), das zwischen 1590 und 1609 in sieben Büchern erschien, schrieb Spenser eines der populärsten Werke seiner Zeit. Dabei verknüpfte er ritterliche Tugendvorstellungen und die Darstellung eines weiblichen Idealbilds mit einer Huldigung Elisabeth I. Wie Skelton, dessen innovativen Verse als Skeltonics bekannt wurden, entwickelte auch Spenser für die Faerie Queene eine neunzeilige Strophenform aus acht jambischen Fünfhebern und einem ausklingenden Alexandriner, die so genannte Spenserstrophe. Spensers dichterisches Selbstverständnis ähnelte dem Sidneys, der seine Poetologie 1583 in der posthum herausgegebenen Streitschrift The Defence of Poesie (1595, Die Verteidigung der Dichtung) formulierte: Hier wie dort erscheint der Dichter als gottähnliche Instanz, deren Aufgabe in der Schöpfung einer moralisch wie ästhetisch vollkommenen Welt besteht. Das Renaissancedrama basierte vorwiegend auf dem mittelalterlichen Mysterienspiel und der von Wanderbühnen zur Schau gestellte Moralität. Zwischen 1580 und 1642, bis zur Schließung der Londoner Theater durch die Puritaner also, wurden zahlreiche Komödien, Tragödien und Tragikomödien für die dortigen Bühnen verfasst. Das Renaissancedrama orientierte sich zumeist an klassischen Vorbildern, vorwiegend an Werken von Terenz, Plautus oder Seneca; so nimmt etwa The Spanish Tragedy (1594, Die spanische Tragödie) von Thomas Kyd deutlich auf Seneca Bezug. Mit seinen äußerst bühnenwirksamen Dramen beeinflusste Kyd die psychologisch differenziertere Rachetragödie, für die William Shakespeares Hamlet das gelungenste Beispiel ist. Christopher Marlowe stellte machtgierige Renaissancemenschen in den Mittelpunkt seiner Tragödien Tamburlaine (1590, Tamarlan der Große) und Edward II (1594, Eduard II.). Bemerkenswert an Marlowes Dr. Faustus (1604, Doktor Faustus) um den FaustMythos und The Jew of Malta (1633, Der Jude von Malta) ist vor allem der Versuch seiner Charaktere, das klerikale Weltbild des Mittelalters und die damit verbundenen Wertmaßstäbe zu zerstören. Auch die höfischen Komödien John Lylys, darunter Alexander and Campaspe (1584, Alexander und Campaspe), die mit phantastischen Elementen durchsetzten Dramen George Peeles (The Old Wives' Tale, 1595), Robert Greenes und A. Mundays sowie die bürgerlichen Trauerspiele eines Thomas Heywood gehörten zum zeitgenössischen Repertoire. Greenes Pandosto. The Triumph of Time (1588, Pandosto. Der Sieg der Zeit) diente später Shakespeare als Quelle für sein Wintermärchen. 4.1 William Shakespeare Bereits zu Lebzeiten galt William Shakespeare als wichtigster Dramatiker seiner Zeit. In seinen gegen die Regelpoetik auch der Renaissancedramen gerichteten Komödien und Tragödien, die Pathos und Komik, Derbheit und Sentimentalität, Rationales und Absurdes mischen, spiegelt sich ein komplexes Weltbild, das die hierarchischen Vorstellungen des Mittelalters weit hinter sich lässt. Seine Stoffe entnahm Shakespeare antiken und zeitgenössischen Autoren (Plutarch, Boccaccio, Chaucer etc.). Vor allem das Frühwerk ist deutlich von den Dramen Marlowes, Lylys und Greens geprägt. Zu Shakespeares herausragenden Komödien zählen As You Like It (um 1599, Wie es euch gefällt) und Twelfth Night or What You Will (um 1600, Was ihr wollt), zu seinen großen Tragödien Hamlet (um 1601), Othello (um 1604), King Lear (um 1605, König Lear), Macbeth (um 1606) und Antony and Cleopatra (um 1606, Antonius und Kleopatra). Shakespeares eher düsteres Frühwerk diente dem Dramatiker John Webster als Vorbild für seine Tragödien The White Devil (1612, Der weiße Teufel) und The Duchess of Malfi (1613-1614, Die Herzogin von Amalfi). Auch die Blut- und Rachetragödien von George Chapman, wie The Conspiracy and Tragedy of Charles, Duke of Byron (1608) und Caesar and Pompey (1631), und John Marston, so Antonio's Revenge (1602), wären ohne Shakespeare undenkbar. Die Entwicklung des englischen Dramas nach Shakespeare wurde wesentlich von Ben Jonson geprägt, dessen satirische Komödien in einer für die Zeit eher untypischen nüchternen Sprache gesellschaftliche Laster bloßstellten. Mit Every Man in His Humour (Uraufführung 1598, Jedermann auf seine Art) und Every Man Out of His Humour (1599), dem längsten Stück in der englischen Theatergeschichte, legte Jonson den Grundstein für die Comedy of humours, einer Art Typenkomödie mit Charakteren, deren Wesenszüge betont und bloßgestellt werden. Mit Dramen wie Volpone (1606, Volpone oder der Fuchs) und The Alchemist (1610, Der Alchemist) bestimmte er die Komödienkultur der Restaurationszeit nach 1660. Zwei Schüler Jonsons, Francis Beaumont und John Fletcher, machten mit ihren Gemeinschaftsproduktionen die Tragikomödie populär, indem sie etwa in Philaster (um 1610, Philaster oder die Liebe blutet) moralisch zweideutige Situationen und frivole Wortgefechte mit sentimentalen Sentenzen kombinierten. Als bedeutendste Stückeschreiber für die Schauspieltruppe The King's Man hatten sie um 1609 Shakespeare in dieser Funktion offenbar verdrängt. Zu den wenigen Prosawerken der englischen Renaissanceliteratur gehört Sidneys pastoraler Roman Arcadia (um 1580) und Lylys Euphues, or the Anatomy of Wit (1578, Euphues oder Die Anatomie des Witzes) bzw. Euphues and His England (1580, Euphues und sein England); letztere stellen in einen fiktiven Erzählrahmen eingebettete Reflexionen über Liebe und Religion dar und sind zudem zwei herausragende Beispiele für die englische Prosaliteratur des 16. Jahrhunderts. Sidneys und Lylys Werke zeichnen sich durch eine geschraubte Diktion und eine manieriert-artifizielle Syntax aus; dieser nach Lylys Roman so genannte euphuistische Stil fand Nachahmung in den Romanzen Robert Greenes und Thomas Lodges, der mit dem Liebesepos Scillaes Metamorphosis (1589) von sich reden machte. Hingegen tat sich Thomas Nashe durch beizeiten derb klingende Schelmenromane hervor: Sein The Unfortunate Traveller, or The Life of Jack Wilton (1594, Der unglückliche Reisende oder Die Abenteuer des Jack Wilton) ist das früheste Beispiel eines pikaresken Romans in englischer Sprache. Erzählungen aus dem Kleinbürgermilieu verfasste T. Deloney; Thomas Dekker wurde - außer mit Dramen wie Old Fortunatus (1600, Fortunatus und seine Söhne; auch: Der alte Fortunatus) - mit Satiren und Flugschriften bekannt, die sich oftmals in humoristischer Form mit dem englischen Alltagsleben auseinandersetzen. Außerdem entstanden Schwanksammlungen und zahlreiche Pamphlete. Erwähnenswert ist auch die englische Übersetzung der Bibel, die so genannte King James Bible von 1611. Damit war ein zweihundert Jahre zuvor begonnenes Projekt zum Abschluss gekommen. Wortschatz, Metaphorik und Satzmelodie übten entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der englischen Literatur, namentlich auf die von Mystik durchzogene Wissenschaftsprosa Sir Thomas Brownes (Religio Medici, um 1635). Anfang des 17. Jahrhunderts bildete sich mit den Metaphysical poets um John Donne eine Gruppe weltlicher und geistlicher Barockdichter aus, die, nach neuen Formen lyrischen Ausdrucks suchend, eine durch kühne Bilder und paradox-ironische Wortspiele geprägte Sprache fanden; u. a. gehörten George Herbert, Henry Vaughan und Richard Crashaw der Gruppe an. Der Einfluss der Metaphysical poets auf die englische Dichtung reicht bis in die Moderne - unter den Zeitgenossen ist er etwa im Werk Andrew Marvells ablesbar, der mit der Ode Horatian Ode upon Cromwell's Return from Ireland zudem ein herausragendes politisches Gedicht verfasste. In Opposition zu den Metaphysical poets und der oftmals blumig-umschreibenden Poesie Spensers vertraten etwa Ben Jonson und die Anhänger seiner Dichterschule eine Literaturauffassung, für die eine auf den Klassizismus vorausweisende Klarheit und Formstrenge charakteristisch ist. Mit ihrer schlichten Lyrik beeinflussten sie u. a. Robert Herrick und die royalistischen Cavalier poets um Thomas Carew, John Suckling und Richard Lovelace. Als letzter großer Dichter der englischen Renaissance gilt John Milton, der mit Sidney und Spenser die Auffassung vom Dichter als übergeordnete Schöpferinstanz teilte. So sucht denn auch Miltons formal an Vergils Aeneis orientiertes Hauptwerk, das religiöse Epos Paradise Lost (1667, Das verlorene Paradies), nicht nur den Sündenfall der Menschheit darzustellen, sondern ein Spiegelbild der Harmonie des Kosmos selbst zu sein. Das erklärte Ziel des Dichters war ,,die Rechtfertigung der Wege Gottes den Menschen gegenüber". Das Gedicht zeugt von großer schöpferischer Phantasie und weit reichendem intellektuellem Verständnis: Nahezu alle englischen Schriftsteller des 18. und 19. Jahrhunderts sahen im klaren Aufbau von Miltons Sprache ein Vorbild ihrer eigenen Literaturproduktion. Erst die Wiederentdeckung der Metaphysical poets im 20. Jahrhundert z. B. durch T. S. Eliot ließ die englische Dichtung neue Wege beschreiten. 5 RESTAURATION UND KLASSIZISMUS Mit dem Niedergang der Cromwell-Republik und der Thronbesteigung Karls II. 1660 endete die Epoche des Puritanismus, deren religiös geprägte Dichtung das literarische Leben zu Beginn des 17. Jahrhunderts bestimmte. So rechnet beispielsweise Samuel Butlers von Miguel de Cervantes beeinflusste Epos in achtsilbigen Reimpaaren, Hudribas (1663-1678), satirisch mit der Reformbewegung ab. Von nun an dominierte eine Literatur, die sich weitgehend an der Rationalität und dem Realismus Ben Jonsons und seiner Dichterschule orientierte. Auch führte der Einfluss französischer Autoren zur Ausprägung eines elitären dichterischen Selbstverständnisses. Das in der Renaissance zentrale Moment der schöpferischen Inspiration trat hinter die Idee einer Nachbildung antiker Werke immer mehr zurück. Dem Wunsch nach Rationalität entsprach die Gründung der Londoner Wissenschaftsakademie, der Royal Society, im Jahr 1660. Auch die im Geist der Aufklärung verfassten philosophischen und politischen Schriften, allen voran die klar strukturierten Essays von Francis Bacon belegen einen Paradigmenwechsel hin zu Empirie und Wissenschaft. Bacons Abhandlungen Advancement of Learning (1605) und The New Atlantis (1627, Neu-Atlantis) standen ganz unter dem Postulat einer Beherrschung der Natur durch Technik. Auch der Essay Concerning Human Understanding (1690, Versuch über den menschlichen Verstand) des Philosophen John Locke gründet auf der Überzeugung, dass Wissen nur durch experimentelle Arbeit gewonnen werden könne. Diese Ansicht führte der Empirist David Hume in seiner Schrift An Enquiry Concerning Human Understanding (1748, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand) weiter aus. Gleichzeitig machte sich Thomas Hobbes daran, mit seiner Schrift Leviathan (1651) den Absolutismus aus Vernunftgründen unter der Formel ,,Homo homini lupus" (,,Der Mensch ist des Menschen Wolf") zu sanktionieren. Laut dem Leviathan verhindert der Alleinherrscher ein gesellschaftliches Chaos, das aus dem Kampf Aller gegen Alle aus egoistischen Motiven notwendig resultiere. Eine Art aufgeklärter Monarchie propagierte Locke in seinen Two Treatises on Government (1690, Zwei Abhandlungen über die Regierung). Auch entwarf er ein Modell der Gewaltenteilung. War die Restaurationszeit noch stark von der Poesie John Drydens geprägt, so begann sich nach der Glorious Revolution 1689 und der Erstarkung des Parlamentssystems die von klarer Sprache bestimmte Literatur des Klassizismus durchzusetzen, für die die Werke Alexander Popes und Samuel Johnsons bestimmend waren. 5.1 Die Zeit John Drydens Die religiösen Oden und Gesellschaftssatiren John Drydens zielen vor allem auf ein gebildetes Publikum. Mit seiner Komödie Marriage à la mode (1672) schuf er die Grundlagen für die während der Restaurationszeit äußerst populäre Gattung der beizeiten frivolen Sittenkomödie oder Comedy of Manners, die Gewohnheiten und Moden der Zeit kritisch hinterfragte. Unter anderem George Etheredge, William Wycherly, Thomas Shadwell, Aphra Behn und William Congreve versuchten sich daran. Mit seiner sprachlichen Klarheit und formalen Strenge kann Dryden zudem als Wegbereiter des Klassizismus gelten. Der Dichter verwendete in seinen Dichtungen das so genannte Heroic Couplet, einen paarweise gereimten fünfhebigen Jambus mit fester Zäsur nach der zweiten Hebung, der sich zum vorherrschenden Metrum der englischen Dichtung entwickelte. Nachdem in London zwei neue Theater eröffnen konnten, wurde in der Nachfolge Drydens vor allem die Verssatire populär, da sie die Möglichkeit eröffnete, sich mit den aktuellen religiösen und politischen Themen auseinanderzusetzen. Zwei der eindrucksvollsten politischen Satiren Drydens waren Absalom and Achitophe (16811682) und MacFlecknoe (1682). Mit The Conquest of Granada by the Spaniards (1670) und All for Love; or, The World Well Lost (1678) - eine dem Zeitgeschmack angepasste Neufassung von Shakespeares Antonius und Kleopatra - initiierte Dryden das publikumswirksame Genre der heroischen Tragödie, die, zumeist in exotischem Terrain situiert, auf psychologische Charakterzeichnung weitgehend verzichtete; unter anderem N. Lee und E. Selle versuchten sich daran. Das wohl eindrucksvollste Beispiel einer heroisch-sentimentalen Tragödie ist Thomas Otways Venice Preserved (1682, Das gerettete Venedig), die bis zur Mitte des18. Jahrhundert zum Standartrepertoire zahlreicher Bühnen gehörte. Bereits 1671 verfasste George Villiers gemeinsam mit anderen unter dem Titel The Rehearsal eine Parodie auf dieses Genre. Mit seinem Essay of Dramatic Poesie (1668) und seinen Übersetzungen, etwa von Vergil, prägte Dryden auch den Prosastil der Zeit. Vor allem wirkte er auf Samuel Pepys und auf John Bunyan. Während aber Pepys in seinen Schriften die Sinnenfreude pries (seine in privater Geheimschrift zwischen 1660 und 1669 verfassten und erst 1825 entschlüsselten Tagebücher sind ein wichtiges zeithistorisches Dokument), schuf der puritanische Laienpriester Bunyan mit seinem Hauptwerk The Pilgrim's Progress from This World to That Which Is to Come (2 Bde., 1678-1684, Eines Christen Reise nach der Seeligen Ewigkeit...) ein populäres Beispiel allegorischer Belehrung. Es ist eines der meistübersetzten Werke der Weltliteratur und gehört in England neben der Bibel immer noch zu den meistgelesenen Büchern. Als Erbauungsschrift übte The Pilgrim's Progress zudem großen Einfluß auf den Pietismus und die Erweckungsbewegung in Deutschland aus. 5.2 Die Zeit Alexander Popes Unter Alexander Pope erlebte die englische Literatur des Klassizismus ihre als Augustan Age (1700-1744) bezeichnete Blütezeit. Noch stärker als Dryden lehnte sich Pope an die griechischen und römischen Klassiker an. Auch übersetzte er Homer. In seinen Lehrgedichten befreite er die Lyrik von der Gefühlsbezogenheit des 17. Jahrhunderts und hob stattdessen ihren intellektuellen Erkenntnischarakter hervor. Berühmt wurde Pope durch seine Satiren. Daneben schrieb er die didaktischen Versessays Essay on Criticism (1711, Versuch über die Critik), in welchen er das Gedicht als klassizistisch-rationalistisches Vernunftwerkzeug zur Beschreibung der Naturgesetzlichkeiten pries, und The Essay on Man (1732-1734, Versuch über den Menschen). Als Popes Meisterwerk gilt das komische Versepos und komische Gesellschaftspanorama The Rape of the Lock (1712, erweitert 1714, Der Lockenraub), als seine wichtigste aggressiv-spöttische Satire The Dunciad (1728, Zweitfassung 1743, Duncias); letztere stellt Popes literarische Gegner bloß. In Deutschland wurde sein witzig-eleganter Stil u. a. von Gotthold Ephraim Lessing und Jean Paul bewundert. Zu den herausragenden Satiren der englischen Literatur des 18. Jahrhunderts gehören die Werke Jonathan Swifts, die neben den Missständen der englischen Gesellschaft u. a. auch die menschliche Dummheit generell karikieren. Dazu gehört die Prosasatire Tale of a Tub (1704, Ein Märchen von einer Tonne) über den Streit der katholischen und der anglikanischen Konfession. In A Modest Proposal (1729), mit seinem Vorschlag eines gezielten Kannibalismus das erste Werk echt schwarzen Humors, verurteilte Swift das englische Sozialwesen, ein Aspekt, der auch in seinem Hauptwerk Gulliver's Travels (1726, Gullivers Reisen) über die abenteuerlichen Fahrten des Titelhelden ins Land der Zwerge, Riesen und zur fliegenden Insel Laputa eine Rolle spielt. Wichtig für die Entwicklung der Prosa im 18. Jahrhundert war die wachsende Bedeutung des Journalismus und eine moralische Zeitschriftenkultur, deren herausragendste Exponenten The Tatler (1709-1711) bzw. The Spectator (1711/12 und 1714) sind. Gesellschaftskritische Beiträger waren hauptsächlich die Freunde Joseph Addison und Richard Steele, der mit The Funeral (1701), The Lying Lover (1703) und The Tender Husband (1705) auch drei Komödien schrieb; Addisons mehrfach übersetztes Drama Cato von 1713 galt Voltaire als die beste Tragödie in englischer Sprache. Während Addison und Steele eher den moralisierenden Plauderton pflegten, waren die journalistischen Arbeiten Daniel Defoes von drastischem Realismus geprägt. Der Stil seiner publizistischen Schriften färbte auch auf sein berühmtestes Buch, The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe ... (1719; Das Leben und die seltsamen Abenteuer des Robinson Crusoe ...), ab. Der Roman über den Schiffbrüchigen Crusoe, der mit den harten Lebensbedingungen auf einer einsamen Insel zurechtzukommen sucht und in dem Kannibalen Freitag schließlich einen Ansprechpartner findet, ist ein Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur und initiierte die Gattung der Robinsonade. 5.3 Die Zeit Samuel Johnsons In der Samuel Johnson geprägten klassizistischen Zeit (1744-1784) begann sich innerhalb der englischen Literatur allmählich eine Zuwendung zur Emotionalität und zum Geniekult abzuzeichnen, der bereits auf die Romantik vorausweist. Johnson gilt als letzte große Gestalt des literarischen Klassizismus in England, dessen stilistische und thematische Prinzipien sein Werk nochmals zusammenfasste. Sein langes Versepos The Vanity of Human Wishes (1749, Die Eitelkeit der menschlichen Wünsche) beruht auf der zehnten Satire des römischen Dichters Juvenal und gilt als seine bedeutendste Dichtung. Richtungweisend war auch Johnsons Wörterbuch Dictionary of the English Language (1755), das erstmals nach modernen lexikographischen Richtlinien verfuhr. Daneben verfasste Johnson zahlreiche Essays, u. a. für die Zeitschrift The Rambler (1750-1752), und war als Herausgeber sowie als Biograph (Lives of the Poets, 1779-1781) tätig. Seinen Einfluss auf die damalige Literatenszene reflektiert die beispielhafte Biographie The Life of Samuel Johnson (1791, Denkwürdigkeiten aus Johnsons Leben) von James Boswell. In der Dramatik kreierte Johnsons Freund Oliver Goldsmith, der auch die populäre Romanidylle The Vicar of Wakefield (1766, Der Pfarrer von Wakefield) verfasste, eine mit burleskem Witz angereicherte Form der im Plauderton verfassten Gesellschaftskomödie. Ein Beispiel hierfür ist She Stoops to Conquer (1773, Sie lässt sich herab, um zu siegen), bis heute eines der bekanntesten Dramen der englischen Literaturgeschichte. Der jüngere Richard Sheridan tat es ihm mit School for Scandal (1777, Die Lästerschule) gleich. Anzeichen für die Hinwendung der Dichtkunst zu romantischem Gestus findet sich in der teils schwermütigen, das Landleben ins Zentrum stellenden Lyrik William Cowpers (The Task, 1785) und Thomas Grays. Düster-resignativ gebiert sich vor allem Cowpers Alterswerk The Castaway von 1799. Auch wird hier, wie in Grays Gedicht Elegy Written in a Country Churchyard (1751), von den Regeln des Heroic Couplets abgewichen. Grays Vorliebe für mittelalterliche Themen ist ein weiteres Indiz für ,,romantisierende" Tendenzen, die sich auch bei William Blake nachweisen lassen. Mit seiner düster-visionären Grundstimmung steht etwa Blakes The Book of Thel (1789) dem Klarheits- und Vernunftsideal des Klassizismus diametral entgegen. Am bekanntesten wurde seine Gedichtsammlung Songs of Innocence (1789, Lieder der Unschuld). Die darin enthaltenen Gedichte beeindrucken durch ihre plastische Sprache und stellen die Schöpferkraft des Dichters in den Mittelpunkt. In der gleichen vorromantischen Tradition stehen die Lyriker Robert Burns und Edward Young; letzterer hatte ebenfalls auf die Entwicklung der so genannten Graveyard School of Poetry (Friedhofsdichtung) entscheidenden Einfluss und wirkte mit dem von Weltschmerz und makabrer Metaphorik geprägten Duktus seines Meistwerks The Complaint, or Night Thoughts on Life, Death and Immortality (1742-1745; Klagen oder Nachtgedanken über Leben, Tod und Unsterblichkeit) weit über die Grenzen des Landes hinaus. Wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Romantik hatte auch die von Thomas Percy herausgegebene Anthologie schottisch-englischer Balladen Reliques of Ancient English Poetry (1765). In Deutschland wurde sie von Johann Wolfgang von Goethe, Gottfried August Bürger und Johann Gottfried von Herder rezipiert. In der Prosa etablierte Samuel Richardson Mitte des 18. Jahrhunderts den bürgerlichen Roman, u. a. mit seinen sentimental-moralisierenden Briefromanen Pamela; or Virtue Rewarded (2 Bde., 1740, Pamela oder Die belohnte Tugend eines Frauenzimmers) über die Verteidigung der Ehre einer Magd und Clarissa (1747/48, Clarissa Harlowe); beide prägten die Literatur der Empfindsamkeit stark. Dagegen bevorzugte Henry Fielding eine auktoriale Erzählerperspektive und einen realistisch-humorvollen Ton. Mit Joseph Andrews (1742, Die Geschichte des Abenteurers Joseph Andrews) etwa schuf Fielding eine Parodie von Richardsons Pamela. Fieldings bekanntester Roman ist The History of Tom Jones, a Foundling (1749, Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes), der die Streiche und Abenteuer eines Freigeists schildert. Ebenfalls der Tradition des Schelmen- und Abenteuerromans verhaftet war Tobias Smollett, etwa mit seinem viel gelesenen fiktiven Reisebericht The Expedition of Humphry Clinker (1771, Humphrey Clinkers Reise). Der bedeutendste Romanautor der Zeit aber ist zweifellos Laurence Sterne, dessen The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman (1759-1767, Das Leben und die Ansichten Tristram Shandys Gentleman) mit seiner Auflösung einer stringenten Handlungsstruktur die Formexperimente der Moderne vorwegnimmt. Sternes einzigartige Darstellung von Wahrnehmung, Bedeutung und Zeit - unter Vorwegnahme der Technik des Stream of consciousness - machten Tristram Shandy zu einem der wichtigsten Vorläufer des experimentellen Romans, der etwa in Arno Schmidt einen begeisterten Leser fand. Die Übersetzung seines Buchtitels A Sentimental Journey Through France and Italy (1768, Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien) durch Lessing gab der deutschen Periode der Empfindsamkeit den Namen. 6 ROMANTIK Die ganz Europa erfassende Literaturepoche der Romantik (1789-1837) setzte die dichterische Imagination gegen die normative und vernunftbetonte Regelpoetik des Klassizismus. Subjektives Naturempfinden und die Betonung individueller Schöpferkraft standen von nun an im Zentrum. Wichtige Impulse verdankt auch die englische Romantik der Französischen Revolution. Die Veröffentlichung des gemeinsam von William Wordsworth und Samuel Taylor Coleridge verfassten Gedichtbandes Lyrical Ballads (1798) begründete die literarische Romantik in England. Coleridges wichtigster Beitrag, die Ballade The Ancient Mariner (Der alte Matrose), besticht durch die rhythmische Schönheit ihres Klangs und stellt den Versuch dar, Übersinnliches metaphorisch fassbar zu machen. Demgegenüber konzentrierte sich Wordsworth darauf, in seiner pantheistischen Naturlyrik die verborgenen Wesenheiten der Dinge und die mystische Dimension der menschlichen Seele zur Anschauung zu bringen. Die Gedichte Tintern Abbey und Ode on Intimations of Immortality (Ode über Andeutungen von Unsterblichkeit) sind hierfür Beispiele. Letztere stammt aus der 1807 veröffentlichten Sammlung Poems in Two Volumes (Gedichte in zwei Bänden), die auch das an Wordsworths Gattin gerichtete Meisterwerk She Was a Phantom of Delight (Sie war eine Erscheinung des Entzückens) enthält. Coleridge übersetzte zudem nach einer Europareise Friedrich Schillers Geschichtsdrama Wallenstein und wurde zum bedeutendsten Vermittler deutscher Kultur in England. Auch als geistige Führer der romantischen Lake School beeinflussten Wordsworth und Coleridge - gemeinsam mit Robert Southey - die englische Dichtung nachhaltig. Von deren romantischem Dichtungsverständnis wurde auch Sir Walter Scott geprägt, welcher zunächst Sammlungen von schottischen Volksballaden herausgab und später durch eine Reihe von - im Mittelalter angesiedelten - Verserzählungen bekannt wurde. Stilistisch eher konventionell ( The Lady of the Lake, 1810, Das Fräulein vom See), fanden sie großen Anklang beim zeitgenössischen Publikum. Mit seinem dreibändigen Romanerstling Waverley, or, Tis Sixty Years Since (1805-1814, Waverly oder Es ist sechzig Jahre her) begründete Scott die Gattung des historischen Romans und schuf sein bis ins 20. Jahrhundert hinein oftmals imitiertes Schema. Anders als Coleridge, Wordsworth und Scott blieb Lord Byron zeit seines Lebens den Idealen der Revolution verhaftet (so engagierte er sich im griechischen Freiheitskampf). Byrons Dichtungen Childe Harold's Pilgrimage (1812, Ritter Harolds Pilgerfahrt) und Don Juan (1819-1824) über den Frauenverführer Don Juan zeigen einen schwermütigen Skeptiker, der Melancholie und Weltschmerz aber immer auch ironisch bricht. Byrons sprachvirtuoser Stil wurde im Verlauf des 19. Jahrhunderts unter dem Schlagwort des Byronismus zur Mode. Auch die Dichtung Percy Bysshe Shelleys ist von revolutionärem Idealismus geprägt: So verarbeitet Die Empörung des Islam (1817/18) in überhöhter Symbolik Ereignisse der Französischen Revolution. Eine glückliche Zukunft der Menschheit entwirft das lyrische Versdrama Prometheus Unbound (1820, Der entfesselte Prometheus). Seine Oden To a Skylark (1820, Ode an eine Lerche) und To the West Wind (1819, Ode an den Westwind) gehören ebenso zu den Höhepunkten zeitgenössischen Dichtkunst wie seine Liebesgedichte, darunter I arise from dreams of thee und To Constantia singing, das Sonett Ozymandias (1818) sowie Adonais (1821), eine Elegie auf den Tod von John Keats, in dem Shelley noch einmal die Summe seiner romantisch-pantheistischen Weltsicht zog. Keats selbst vertrat eine eher ästhetizistisch-sensualistische Position, mit der er u. a. auf die Präraffaeliten wirkte. Keats' lyrisches Gesamtwerk entstand nahezu ausschließlich zwischen 1818 und 1821. Sein Meisterwerk Lamia, Isabella, The Eve of St. Agnes, and Other Poems (1820) enthält drei Oden, die zu den zentralen Werken englischer Dichtung zu rechnen sind: Es sind dies Ode on a Grecian Urn, Ode on Melancholy und Ode to a Nightingale, die dem Gegensatz des ewigen, transzendentalen Wesens Schönheit und der Vergänglichkeit der physischen Welt gewidmet sind. Die englische Romantik brachte einige herausragende Essayisten hervor. Die Ausbildung neuer Prinzipien der Literaturkritik gelang Coleridge mit seiner Biographia Literaria (1817). Auch Charles Lamb (Specimens of English Dramatic Poets, 1808) und William Hazlitt (Characters of Shakespeare's Plays, 1817) fanden in ihren Essays zu einer stilistisch brillanten Prosa und rückten die zeitweise in Vergessenheit geratenen Schriftsteller der Renaissance wieder ins öffentliche Bewusstsein. Lambs Essays of Elia (1823, 1833) wurden für die Essaytradition ebenso stilbildend wie der autobiographische, von phantastischen Traumbildern durchsetzte Erfahrungsbericht mit Suchtzuständen Confessions of an English Opium-Eater (1822, erweitert 1856, Bekenntnisse eines englischen Opiumessers) von Thomas de Quincey, der etwa im Symbolismus innerhalb der französischen Literatur bei Charles Baudelaire wieder verstärkte Beachtung fand ( Les Paradis artificiels, 1860; Die künstlichen Paradiese). Mit On the Knocking at the Gate in ,,Macbeth" (1823, Über das Klopfen an die Pforte in Shakespeares ,,Macbeth") lieferte er zudem eine hervorragende Shakespeare-Interpretation und schockierte seine Umwelt mit der grandios-makabren Schrift Murder Considered as One of the Fine Arts (2 Tle., 1827-1839, Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet) über die ästhetischen Qualitäten der Bluttat. 7 VIKTORIANISCHE ÄRA UND REALISMUS Die Regierungszeit Königin Viktorias (1837-1901) war von weit reichenden sozialen Krisen und Reformen gekennzeichnet, so dass die englische Literatur der Zeit - trotz immer noch vorhandener ,,romantischer" Remineszenzen - verstärkt aktuelle Fragen wie Demokratisierung oder Industrialisierung aufgriff. Auch lieferten der Utilitarismus von Denkern wie Jeremy Bentham, John St. Mill und David Ricardo sowie die Evolutions- und Fortschrittsphilosophien Charles Robert Darwins und Herbert Spencers optimistische Modelle, deren Folgen kritisch beleuchtet werden mussten. So schilderte Thomas Babington Macaulay in seiner für die Geschichtsschreibung der Zeit zentralen History of England (5 Bde., 1848-1861, Geschichte von England seit dem Regierungsantritt Jacobs II.), aber auch in seinen Critical and Historical Essays (1843) die Selbstzufriedenheit einer zu politischer und ökonomischer Macht gekommenen Mittelschicht. Der Theologe John Henry Newman kritisierte in Apologia pro Vita Sua (1864, Geschichte meiner religiösen Meinungen) den aufkommenden Materialismus seiner Zeit und propagierte demgegenüber eine Rückkehr zu religiösen Werten. Kulturkritisch äußerte sich auch der schottische Essayist und Geschichtsschreiber Thomas Carlyle, der in unverhohlenem Pathos und mit religiös-moralischem Impetus der englischen Nation zu einer neuen, sittlichen Grundeinstellung verhelfen wollte. Seine zum Teil auf den deutschen Idealismus zurückgehende Philosophie erläuterte Carlyle u. a. in der von Goethes Bildungsroman Wilhelm Meister inspirierten Schrift Sartor Resartus (1833/34, Sartor Resartus oder Leben und Meinungen des Herrn Teufelsdröckh) und in der Vortragssammlung On Heroes, Hero-Worship, and the Heroic in History (1841, Über Helden, Heldenverehrung und das Heldentümliche in der Geschichte). Auch der Kunstkritiker John Ruskin forderte in seiner ökonomischen Theorie eine Abkehr vom Kapitalismus. Sozialen Eskapismus und ästhetischen Hedonismus propagierte der Schriftsteller und Kritiker Walter Pater etwa in seinem Roman Marius the Epicurean von 1885. Im Bereich der Dichtung beschäftigte sich Alfred Lord Tennyson mit der sozialen und religiösen Problematik und zeigte sich in allen literarischen Formen seiner Zeit bewandert: Sprachlich ist seine bildhafte, stark rhythmisch geprägte Lyrik, darunter die Elegie In Memoriam (1850, Freundes-Klage) und die Idylle The Idylls of the King (1859, Königs-Idyllen), noch stark der Romantik verpflichtet. Dem gegenüber schuf Robert Browning mit seinen Dramatic Romances and Lyrics (1841-1846) und mit Men and Women (1855) ein intellektuelles, stark zur Psychologisierung neigendes Werk. Nicht nur sein vierbändiges Hauptwerk The Ring and the Book (1868/69, Der Ring und das Buch) wirkte im 20. Jahrhundert auf Dichter wie Ezra Pound nachhaltig. Die Lyrik Matthew Arnolds, der mit seinen idealistischen Essays in Criticism (1865-1888) die zeitgenössische Literaturkritik stark beeinflusste, ist stark von einer melancholisch-schwermütigen Metaphorik bestimmt, die dem Kulturoptimismus der Zeit diametral entgegensteht ( Stanzas from the Grande Chartreuse, 1855). Während Thomas Hood und Elizabeth Barrett Browning sozial engagierte Lyrik verfassten, wiesen die sinnlich-erotischen Gedichte Algernon Charles Swinburnes auf den Ästhetizismus der Jahrhundertwende hinaus; seine sadomasochistischen Anklänge in Poems and Ballads (1866, Gesänge und Balladen) sorgten für einen der größten literarischen Skandale des Viktorianischen Zeitalters. Der die Jugendstillyrik in seinen Sonetten antizipierende Dante Gabriel Rossetti ( The Portrait und The Blessed Damozel, beide 1842) und der den Sozialismus propagierende William Morris stammten aus dem Umfeld der Präraffaeliten. Die von Morris 1858 publizierte Gedichtsammlung Defence of Guenevere and Other Poems gilt heute als eines der originellsten Werke der Zeit. Religiös motiviert war hingegen die Dichtung von Francis Thomson, Robert Seymore Bridges (The Testament of Beauty, 1929) und Gerard Manley Hopkins, der in einer von ihm als ,,inscape" (,,Flucht nach innen") beschriebenen poetischen Tätigkeit im sprachlichen Verfahren das Wesen der beschriebenen Dinge durchscheinbar zu machen suchte. Als Medium für Sozialkritik entwickelte sich der Roman in der Viktorianischen Epoche von der Romantik hin zum Realismus, eine Tendenz, die Jane Austen bereits Anfang des 19. Jahrhunderts vorweggenommen hatte. Vor allem Charles Dickens und William Makepeace Thackeray schufen eine innovative Form des kritischen Gesellschaftsromans, wobei Dickens sich durch eine humorvolle Darstellung, eine lebendige Charakterzeichnung und durch Engagement für die Londoner Unterklasse hervortat (so in Oliver Twist, 1837-1839). Mit Vanity Fair (1847/48, Jahrmarkt der Eitelkeit) gelang Thackeray ein ironischer Mikrokosmos zu Darstellung der Mittel- und Oberschicht. Das Leben der Industriearbeiter beschrieben Benjamin Disraeli, Elizabeth Cleghorn Gaskell, Charles Kingsley und Charles Reade. In humorvoll-ironischen Studien schilderte Anthony Trollope das geistliche und politische Leben in der englischen Provinz. Die von der Romantik beeinflussten Schwestern Charlotte, Anne und Emily Jane Brontë konzipierten eindringliche und oft kopierte Frauenromane, von denen vor allem Jane Eyre (1847) von Charlotte und Wuthering Heights (3 Bde., 1847, Sturmhöhen) von Emily größte Bekanntheit erlangten. Mit analytischem Intellektualismus führte George Eliot in Middlemarch (1871-1872) anhand des Figurenpersonals einer fiktiven mittelenglischen Provinzstadt den psychologischen Realismus auf die Spitze. George Meredith porträtierte seine Helden im Spannungsfeld zwischen Verstand und Sinnen. Thomas Hardy wiederum ließ seine hoffnungslos gegen die Macht des Schicksals ankämpfenden Protagonisten in düster gezeichneten Landschaften agieren. Neben Far from the Madding Crowd (1874, Am grünen Rand der Welt) gehören der meisterhaft aufgebaute Roman The Return of the Native (1878, Die Rückkehr), The Mayor of Casterbridge (1886, Der Bürgermeister von Casterbridge), Tess of the D'Urbervilles (1891, Tess von D'Urbervilles) und Jude the Obscure (1895, Juda, der Unberühmte) zu seinen wichtigsten Werken. Der von Walter Scott begründeten Tradition des historischen Romans verpflichtet sind die Werke Edward George Bulwer-Lyttons und William Harrison Ainsworths. Wilkie Collins' Interesse hingegen galt der Kriminalliteratur, speziell der Gattung des Detektivromans. Bedeutung erlangten dabei vor allem die Bücher The Woman in White (1860, Die Frau in Weiß) und The Moonstone (1868, Der Monddiamant, auch: Der Mondstein). Ein herausragendes Werk der Viktorianischen Ära ist Lewis Carolls vor allem im Surrealismus stark rezipierter Roman Alice's Adventures in Wonderland (1865, Alice im Wunderland), der durch ein zumeist sprachliches Spiel mit der Logik und den Regeln der Semantik u. a. gegen die reglementierte Enge der Epoche rebelliert. Auch der Naturalismus eines George Robert Gissing und der Essayismus Max Beerbohms nahmen zentrale Tendenzen des 20. Jahrhunderts vorweg. Robert Louis Stevenson, Rudyard Kipling und Joseph Conrad belebten die Gattung des Abenteuerromans neu; während Stevenson in Treasure Island (1883, Die Schatzinsel) vor allem das Spannungselement des Genres vollendete, nutzte Conrad das Abenteuersujet, um - etwa in Heart of Darkness (1902, Herz der Finsternis) - die Reise in exotische Ferne mit der Fahrt in die dämonischen Abgründe der menschlichen Seele zu verkoppeln. Kipling schuf neben seinem Dschungelbuch (1894/95) zudem wichtige Beiträge zur phantastischen Literatur. Mit seinem fünfteiligen Hauptwerk Die Forsyte Saga (1906-1921) schrieb John Galsworthy ein groß angelegtes Panorama der Viktorianischen Epoche, deren Wissenschaftsoptimismus wiederum die Sciencefictionromane von H. G. Wells bestimmte. Dazu gehören das Romandebüt The Time Machine (1895, Die Zeitmaschine) ebenso wie The Invisible Man (1897, Der Unsichtbare) und The War of the Worlds (1898, Der Krieg der Welten), der Orson Welles zu seinem beklemmend-spektakulären Hörspiel inspirierte. Die von der Dramatik Henrik Ibsens beeinflussten Schriftsteller H. A. Jones und Arthur Wing Pinero befreiten das englische Theater mit seinen Melodramen von seiner reinen Unterhaltungsfunktion. Von seinen Stücken, die sich vor allem auch kritisch mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft auseinandersetzten und deren Emanzipation von männlicher Unterdrückung propagieren, ist heute vor allem noch das damals auch außerhalb Englands umjubelte Drama The Second Mrs. Tanqueray (1893) bekannt. Vor allem jedoch der irischstämmige Autor George Bernard Shaw machte die englische Bühne wieder zum Forum für bissige, mit großem Sprachwitz und Einfühlungsvermögen vorgetragene Gesellschaftskritik. Zu Shaws bedeutendsten Werken gehören Man and Superman (1903, Mensch und Übermensch), Androcles and the Lion (1913, Androklus und der Löwe), Heartbreak House (1919, Haus Herzenstod) und Back to Methuselah (1921, Zurück zu Methusalem). 8 20. JAHRHUNDERT 8.1 Prosa Während der Regierungszeit Eduards VII. begannen die Werte und Ideale der Viktorianischen Ära, beschleunigt durch die Erfahrung des 1. Weltkrieges, endgültig fragwürdig zu werden. Neben Autoren, die sich in naturalistischer Weise einer Beschreibung der Gegebenheiten zuwandten - darunter William Somerset Maugham und Arnold Bennett -, erprobten andere Schriftsteller neue Erzählverfahren, um der Vergangenheit kritisch entgegenzutreten. Zu letzterer Gruppe gehört Aldous Huxley mit seinem satirischen Roman Point Counter Point (1928, Kontrapunkt des Lebens). Bekannt wurde vor allem Huxleys negative Romanutopie Brave New World (1932, Schöne neue Welt) über die Determinierung des Menschen in einer totalitären und volltechnisierten Lebenswelt. Eher traditionell hingegen verfuhr Edward Morgan Forster, der nicht nur die Sinnleere einer in Konventionen erstarrten englischen Oberschicht beschrieb (A Room with a View, 1908; Zimmer mit Aussicht), sondern auch die britische Kolonialherrschaft in Indien hinterfragte (A Passage to India, 1924; Auf der Suche nach Indien). D. H. Lawrence beleuchtete die Prüderie und Scheinmoral der viktorianischen Gesellschaft und versuchte demgegenüber, in seinen Romanen die Vitalität des menschlichen Trieblebens auszuloten, so in Lady Chatterley's Lover (1928, Lady Chatterley und ihr Liebhaber). In den zwanziger Jahren sprengte James Joyce mit seinem experimentellen Roman Ulysses (1922) die Form konventionellen Erzählens und schuf unter Anspielung an Homers Odyssee das grandiose Alltagsepos des modernen Menschen und parodierte in stilistisch stark voneinander abweichenden Kapiteln nebenbei noch die gesamte Weltliteratur. Der Dichter selbst gab als Ziel des Romanes an, ,,ein so vollständiges Bild von Dublin vermitteln" zu wollen, ,,dass die Stadt, wenn sie eines Tages vom Erdboden verschwände, nach meinem Buch wieder aufgebaut werden könnte". Tatsächlich aber richtet Joyce sein Augenmerk keineswegs vorwiegend auf markante architektonische Punkte Dublins, sondern lässt über seine beiden Hauptfiguren Leopold Bloom und Stephen Dedalus den Diskurs der Stadt, ihre abstrakte ,,Sprache", lebendig werden. Im berühmten Kapitel Oxens of the Sun gar imaginiert der Roman anhand der Niederkunft einer Frau die ,,Geburt" der irischen Sprache. In Finnegans Wake (1939) schuf Joyce ein Textuniversum, das nicht mehr vorgab, Welt abzubilden, sondern darauf abzielte, eine aus quasi babylonischer Ursprache geschaffene polyphone Welt selbst zu sein: Dem Leser bleibt es überlassen, wie in einem unendlichen Labyrinth einer Lesart (auf Kosten einer anderen) zu folgen und damit neue Sinnhorizonte aufzudecken. Dabei bleibt das Konzept der Vieldeutigkeit fließend - poetologisch dargestellt im wohl gelungensten Kapital Anna Livia Plurabelle, ein Name, der neben dem Namen einer mythischen Hauptfigur den Dubliner Fluss Liffey und das Modell eines semantischen Pluralismus anzitiert. Virginia Woolf verfeinerte in Romanen wie Mrs. Dalloway (1925, Eine Frau von fünfzig Jahren; auch: Mrs. Dalloway) und To the Lighthouse (1927, Die Fahrt zum Leuchtturm) das u. a. von Joyce verwendete Verfahren des stream of consciousness, um Erlebtes und Erinnertes ihrer Figuren in seiner Vernetzung darzustellen. Diese subjektive Realität wird durch die intensive Verwendung von Symbolen und Metaphern nochmals artifiziell überhöht. Woolfs stilistisch kühnster Roman The Waves (1931; Die Wellen) reduziert die Spiegelung der Realität weitgehend auf akustische Phänomene. Ihr teilweise biographischer Roman Orlando: A Biography (1928, Orlando) kreist in bizarr-monologischen Phantasien um Themen wie geschlechtsspezifische Rollenerwartungen, künstlerische Kreativität und Identitätsfindung. Demgegenüber sind die Romane Ivy Compton-Burnetts stark dialogisch aufgebaut: In Brothers and Sisters (1929) und Men and Wives (1931, Männer und Frauen) analysierte sie Familienstrukturen vor dem Hintergrund eines endenden 19. Jahrhunderts. Kulturkritisch äußerten sich auch Autoren wie Rose Macauly, Charles Percey Snow und Evelyn Waugh, welcher vor allem die zwanziger Jahre und die zynisch-indifferente Dekadenz einer Zwischenkriegsgeneration satirisch beleuchtete ( Decline and Fall, 1928). Wie Waugh, so gehörte auch Graham Greene zu den Vertretern einer neukatholischen Literatur, der in seinen spannenden Romanen, so in The Heart of the Matter (1948, Das Herz aller Dinge), dem Phänomen des Bösen nachzugehen suchte; den Spionageroman The third man (1950, Der dritte Mann) verfasste der Autor eigens als Filmgrundlage für den gleichnamigen Thriller von Carol Reed. Zentrales Thema George Orwells war das Leben des Individuums unter totalitärer Herrschaft: Populär wurde er durch die Gesellschaftsfabel Animal Farm (1945, Farm der Tiere) und den düsteren Zukunftsroman Nineteen Eighty-Four (1949, 1984), dessen Kontrollfigur Big Brother nahezu sprichwörtliche Bedeutung erlangte (,,Big brother is watching you"). Des Weiteren schrieb Orwell sozialkritische Reportagen. Nach dem 2. Weltkrieg artikulierte die Gruppe der Angry young men ihren Protest gegen die erstarrte englische Gesellschaftsordnung. Unter anderem Kingsley Amis, Iris Murdoch, Alan Sillitoe, John Wain und John Braine gehörten ihr an. Anthony Powell zeichnete mit seinem zwölfbändigen Romanzyklus A Dance to the Music of Time (19511975, Tanz zur Zeitmusik) ein eher amüsantes Panorama der englischen Gesellschaft (insbesondere ihrer Politik- und Künstlerszene). Murdoch ging in ihren bis zur Groteske überspitzten Romanen den Problemen des modernen Menschen nach. Einer der erfolgreichsten Schriftsteller der sechziger Jahre war Anthony Burgess, der mit A Clockwork Orange (1962, Uhrwerk Orange) die Gewaltbereitschaft Jugendlicher und den mitunter ebenso brutalen Versuch gesellschaftlicher Konditionierung thematisierte. Mit seinen Spionageromanen fand auch John Le Carré ein breites Publikum. Wie A. Wilson, Leslie Poles Hartley und Lawrence George Durrell, so beschrieb William Golding in moralischer Absicht - und vor dem Hintergrund der Weltkriegserfahrungen - den Rückfall des Menschen in die Barbarei, so z. B. in Lord of the Flies (1954, Herr der Fliegen), wo eine von zwei Gruppen der auf einer Insel gestrandeten Kinder ihre Zivilisiertheit größtenteils verliert. Silitoe beschrieb psychologisch einfühlsam das Milieu der Arbeiterklasse und brillierte mit der Titelgeschichte des Prosabandes The Loneliness of the Long-Distance Runner (1959, Die Einsamkeit des Langstreckenläufers), in der ein jugendlicher Krimineller sich dadurch, dass er einen Marathonlauf bewußt verliert, am Direktor seiner Anstalt rächt. Während Victor Sawdon Pritchetts Beschreibungen des Kleinbürgerlebens eher konventionell blieben, neigten andere Autoren wie Christine Brooke-Rose, B. S. Johnson und R. Nye zu formalen Experimenten. Auch das Frühwerk von Doris Lessing spielt mit der Romanform. Inhaltlich stehen die Verhältnisse in Rhodesien und die Unterdrückung der Frau im Zentrum ihrer Romane und Kurzgeschichten. John Fowles verfasste sprachgewaltige Romane, in denen er den Widerspruch zwischen Lebensideal und wirklichkeit problematisierte, darunter The French Lieutenant's Woman (1969, Die Geliebte des französischen Leutnants). Für Angus Wilson und Muriel Spark ist schwarzer Humor charakteristisch; ihr bekanntester Roman, The Prime of Miss Jean Brodie (1961, Die Lehrerin; auch: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie), schildert eine egozentrische Edinburgher Lehrerin aus der Sicht einer sie bewundernden, später jedoch desillusionierten Schülerin. Wie Spark, so beschreibt auch Margaret Drabble die Suche nach einem spezifisch weiblichen Selbstverständnis. Nachdem seit den sechziger Jahren eine Tendenz zur subjektiven Analyse und zur Inversion die englische Literatur bestimmte, kritisierten die in den achtziger Jahren entstandenen Erzählwerke wieder verstärkt gesellschaftliche Missstände. Skrupellosigkeit und egoistischer Materialismus ist typisch für die Protagonisten von Martin Amis, der mit Romanen wie Success (1978), Money (1984, Gierig) und London Fields (1989) großen Einfluss auf das Werk anderer Autoren ausübte. Ian McEwan spezialisierte sich in seinen Romanen und Erzählungen auf die Darstellung von Figuren in extremen Krisensituationen; er tat dies mit oftmals makabrem Impuls, so in seinem furiosen Romandebüt The Cement Garden (1978, Der Zementgarten), in dem Kinder die Leiche ihrer Mutter vergraben. Auch nach dem Untergang des britischen Kolonialreiches setzten sich Schriftsteller wie Paul Scott, V. S. Naipaul, Nadine Gordimer und Ruth Prawer Jhabvala auf je eigene Art und Weise mit den Folgen des Imperialismus auseinander. In Naipauls A House for Mr. Biswas (1961, Ein Haus für Mr. Biswas) etwa kämpft ein akulturierter Inder verzweifelt um die Wahrung seiner Identität; Gordimers Romane A World of Strangers (1958, Fremdling unter Fremden), Occasion for Loving (1963, Anlass zu lieben) und The Late Bourgeois World (1966) hingegen thematisieren die ehemalige Apartheid in Südafrika. Insbesondere Salman Rushdies hochkomplexe Bücher nehmen sich des Themas imperialer Unterdrückung an, etwa in der Prosaallegorie Midnight's Children (1981, Mitternachtskinder). Rushdies Werk steht der Postmoderne ebenso wie dem magischen Realismus nah, ähnlich den feministischen Erzählungen Angela Carters. Die Tradition des an Dickens geschulten Gesellschaftsromans pflegte Peter Ackroyd etwa mit The Great Fire of London (1982) und The Last Testament of Oscar Wilde (1983). David Lodge hingegen beschreibt Identitäts- und Beziehungskrisen in der englischen Intellektuellenszene ( Therapy, 1995; Therapie). Malcolm Bradburys Bücher sind von skurilem Witz geprägt; eigene Erfahrungen als Hochschullehrer verarbeitete er in Eating People is Wrong (1959, Menschen ißt man nicht), The History Man (1975, Der Geschichtsmensch) und Rates of Exchange (1982, Wechselkurse). Zur englischen Erzählliteratur der neunziger Jahre gehören auch die Werke von Jeanette Winterson, Alan Hollinghurst, Adam Mars Jones, Alasdair Gray, Iain Banks und Irvine Welsh. 8.2 Lyrik Eine der herausragenden Gestalten der englischen Dichtung zu Beginn des 20. Jahrhunderts war William Butler Yeats, der in seinem Werk Motive der irischen Mythologie und Geschichte mit einer vom französischen Symbolismus beeinflussten Sprache verknüpfte, so in den Bänden The Tower (1928, Der Turm) und The Winding Stair (1933, Die Wendeltreppe). Einer jüngeren Dichtergeneration gehörte T. S. Eliot an, dessen Langgedicht The Waste Land (1922, Das wüste Land) mit seinen vielfältigen Bezügen und seiner rhythmisch-freien Form nachfolgende Lyriker nachhaltig beeinflusste. Gleichzeitig fand der Autor einen adäquaten Ausdruck für die Erfahrung einer Zerrissenheit des zeitgenössischen Menschen und markierte somit einen wichtigen, auch formal reflektierten Gedanken der Moderne. (Eliots sprachgewaltige Essays gehören neben den Schriften von I. A. Richards, F. R. Leavis und William Empson zu den herausragenden Zeugnissen der englischen Literaturkritik des 20. Jahrhunderts.) Wesentliche Impulse bekam die moderne englische Lyrik auch durch die Wiederentdeckung des viktorianischen Dichters Gerard Manley Hopkins im Jahr 1918: Seine kühne Bildlichkeit und experimentelle Sprache beeindruckte die junge Lyrikergeneration nachhaltig. In den zehner Jahren entstand um T. E. Hulme der Dichterkreis des Imagismus, der nach einer extrem metaphorischen Sprache strebte (Anthologie Des Imagistes, 1914) und dem in England u. a. Ezra Pound, Amy Lowell, D. H. Lawrence und Richard Aldington angehörten. Zu jenen Dichtern, die in ihrer Dichtung die traumatischen Erfahrungen des 1. Weltkrieges zu verarbeiten suchten, gehörten die stilistisch eher traditionellen Schriftsteller Siegfried Sassoon, Wilfred Owen und Robert Graves (Sassoon und Owen waren wie Rupert Chawner Brooke, Walter John de la Mare, John Masefield und Edmund Charles Blunden Vertreter der so genannten Georgian poetry). Graves wurde vor allem durch seinen historischen Roman Ich, Claudius, Kaiser und Gott (1934) bekannt. Äußerst extravagant gab sich die Lyrik der Exzentrikerin Edith Sitwell und ihres Kreises. In den dreißiger Jahren schrieben Wystan Hugh Auden, Stephen Spender und Cecil Day-Lewis unter dem Eindruck der sozialen Unruhen ihrer Zeit stark politisch engagierte Lyrik. Dabei arbeitete Auden 1936 für Ascent of F-6 mit Christopher Isherwood zusammen. Ein weiterer Wegbereiter der modernen Lyrik auch außerhalb Englands war Dylan Thomas, dessen oftmals der englischen Neuromantik zugeordnetes Werk allgemeinen Themen (Liebe, Tod, Schöpfung etc.) gewidmet ist. Besonders einprägsam ist seine in eindringlichen Naturbeschreibungen herausbeschworene Bildlichkeit. Bedeutend ist auch Thomas' von Erich Fried kongenial übersetztes Hörspiel Under the Milkwood (posthum 1954, Unter dem Milchwald). In den fünfziger Jahren dann trat die junge Dichtergruppe The Movement um Dennis Joseph Enright, Philip Larkin, Kingsley Amis und Thom Gunn an die Öffentlichkeit, die sich zu einer präzisen Sachlichkeit auch in der Lyrik bekannte. Ihre an den traditionellen Stilidealen geschulte Sprache ist mit der des damals populären John Betjeman vergleichbar; vor allem Larkin tat sich mit Bänden wie The North Ship (1945), High Windows (1974) und The Whitsun Weddings (1964) hervor. Dem Vitalismus eines Ted Hughes wiederum, welcher in seiner Lyrik die Wildheit der Natur feierte - und der zwischen 1956 und 1963 mit Sylvia Plath verheiratet war -, eiferte The Group nach, ein Kreis um Peter Porter, Alan Brownjohn, Peter Redgrove und George MacBeth. In den sechziger Jahren entstand unter dem Einfluss der amerikanischen Beatgeneration eine rhythmisch vom Jazz geprägte Lyrik, die in Performances vorgestellt wurde. Pop-Art-Dichtung dieser Art schrieben die so genannten Liverpool poets Adrian Henri, Roger McGough und Brian Patten, deren Selbstinszenierung 1968 in England für Aufsehen sorgte. Auch der Imagismus erlebte mit J. Silkin eine Renaissance. Satirische Dichtung verfasste Adrian Mitchell. Im Verlauf der siebziger Jahre nahmen zahlreiche nordirische Dichter Einfluss auf die Entwicklung der englischen Literatur, darunter Seamus Heaney und Paul Muldoon (die zum Vorbild der nordirischen Ulster poets wurden) sowie Tom Paulin. Für seine stark rhythmitisierte, teils elegische Dichtung, die u. a. in den Bänden Door into the Dark (1969, Tür ins Dunkel), Wintering Out (1972, Überwintern), Field Work (1979), Preoccupations (1980), Station Island (1984), The Haw Lantern (1987, Die Hagebuttenlaterne) und Seeing Things (1991) versammelt ist, erhielt Heaney 1995 den Nobelpreis für Literatur. Wichtige Lyrikerinnen der Zeit sind Carol Ann Duffy und Liz Lochhead. Gänzlich unbekannt hingegen ist heute Craig Raine. 8.3 Drama Neben den späten Bühnenwerken George Bernard Shaws ragen die Theaterstücke Sean O'Caseys aus der englischsprachigen Dramenproduktion im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts klar heraus. O'Casey schrieb in der Tradition der so genannten Irisch-Keltischen Renaissance, die sich in der irischen Literatur als Erneuerungsbewegung installiert hatte. Zu seinen in der Tradition August Strindbergs und Eugene O'Neill stehenden Dramen gehören The Shadow of a Gunman (1923, Der Rebell, der keiner war), Juno and the Paycock (1924, Juno und der Pfau), das pazifistische Stück The Silver Tassie (1928, Der Preispokal), das autobiographisch gefärbte Drama Red Roses for Me (1942, Rote Rosen für mich) und Cock-a-Doodle Dandy (1949, Gockel, der Geck). Im Kontext eines sozialkritischen Realismus sind James Matthew Barrie, John Galsworthy, Harley Granville-Barker und Somerset Maugham zu sehen. B. Travers und der überaus beliebte Sir Noël Coward ( Private Lives, 1930, Intimitäten; Design for Living, 1932, Unter uns Vieren; Blithe Spirit, 1941, Geisterkömödie) schufen raffiniert gestaltete Salonkomödien, während J. B. Priestley in seinen Theaterstücken die dramatische Zeitstruktur ad absurdum führte. J. Drinkwater brillierte durch historische Dramen, T. S. Eliot, W. H. Auden und Christopher William Isherwood wirkten mit ihren Versdramen bis in die fünfziger Jahre - etwa auf Christopher Fry, N. Nicolson und Anne Ridler - nach. Anfang der fünfziger Jahre erhielt das englische Drama wesentliche Impulse von der Generation der Angry young men, zu welcher als Dramatiker John Osborne, Arnold Wesker, Shelagh Delaney und John Arden gehörten; benannt wurde die Gruppe nach Osbornes Drama Look back in anger (1957, Blick zurück im Zorn). Mit ihren Proteststücken konstituierten sie das so genannte New English Drama. Harold Pinter thematisierte zwischenmenschliche Konflikte, so in The Caretaker (1960, Der Hausmeister); ähnliches unternahmen N. F. Simpson und Anne Jellicoe. Das ehemalige Mitglied der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) Brendan Behan schockierte mit Dramen über gesellschaftliche Außenseiter; eines seiner bekanntesten Stücke, The Hostage (Die Geisel), spielt in einem irischen Bordell. Nach Aufhebung der Theaterzensur in England 1968 konnten bisher verbotene Themenkreise auf die Bühne gebracht werden: Im Zuge dieser Maßnahme entstanden Edward Bonds schockierende, am Theater der Grausamkeit geschulte Bilderfolgen über politischen Machtmissbrauch - noch 1965 war die öffentliche Aufführung des Stückes Saved (1965, Gerettet) verboten worden, da in einer Szene eine Säuglingspuppe im Kinderwagen ,,zu Tode gesteinigt" wird -, ferner die radikalpolitischen Stücke C. Woods, Howard Brentons und Caryl Churchills. In dem gemeinsam mit David Hare geschriebenen Drama Pravda (1985, Prawda) übte Brenton dezidiert Kritik am britischen Pressewesen. Churchills Vinegar Tom (1976) reflektiert Zeitgeschichte vor dem Hintergrund der Hexenverbrennungen. Mit Samuel Beckett brachte die englische Literatur einen der bedeutendsten Vertreter des absurden Theaters hervor (mit seinen Prosatexten hatte Beckett bereits auf die englische Erzählliteratur gewirkt). Der Darstellung von Alltagsneurosen der englischen Wohlstandsgesellschaft hingegen verschrieben sich Peter Shaffer, D. Mercer, David Storey und Christopher Hampton. Mit Equus gelang Shaffer 1973 das eindringliche Porträt eines Jugendlichen, der nach der Erfahrung privater und sozialer Abweisung auf brutalste Weise Pferde blendet; weltbekannt wurde er durch die Verfilmung seines Intrigendramas Amadeus (1979) über die Rivalität der Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart und Antonio Salieri von 1984. Einen wichtigen Beitrag zur Wiederbelebung der Farce leistete Alan Ayckbourn mit How the Other Half Loves (1969), Absurd Person Singular (1973, Frohe Feste), The Norman Conquests (1974, Normans Eroberungen), Absent Friends (1975, Freunde in der Not), A Chorus of Disapproval (1985, Einer für alles), Man of the Moment (1990), The Revengers' Comedies (1991) und Time of My Life (1993). Seine Dramatik übersteigerte Joe Orton zum teils makabren Schauderspiel (What the Butler Saw, 1969; Was der Butler sah). Existentielle Grenzerfahrungen beschreiben die philosophischen Dramen Tom Stoppards, der sich auch in Fragen der Menschenrechte engagierte. Seinen ersten Ruhm erlangte er mit der Hamlet-Adaption Rosencrantz and Guildenstern are Dead (1967, Rosenkranz und Güldenstern), einer absurden Variante in Form eines Spiels im Spiel; weitere Dramen Stoppards, der in den neunziger Jahren auch erfolgreich als Drehbuchautor in Hollywood arbeitete, sind The Real Inspector Hound (1968, Der wahre Inspektor Hound), The Real Thing (1982, Das einzig Wahre), After Magritte (1970), Jumpers (1972, Akrobaten), das Musikdrama Every Good Boy Deserves Favour (1977), Arcadia (1993) und Indian Ink (1995). Verfasst von: Thomas Köster Microsoft ® Encarta ® 2009. © 1993-2008 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.

« Haus der Fama) und The Parlement of Foules (Das Parlament der Vögel) ist der Einfluss französischer Autoren deutlich spürbar. Chaucer diente zahlreichen Autoren des 15. Jahrhunderts in England und Schottland als Vorbild, und wirkte auf zahlreiche Künstler der Folgezeit, namentlich auf William Caxton, John Lydgate, Robert Henryson,William Dunbar und Sir David Lyndsay. In der Nachfolge Chaucers steht auch Sir Thomas Malory, der seinerseits mit Le morte Darthur (um 1460 bis 1470, Der Tod Arthurs ) die nachfolgende Artusliteratur nachhaltig prägte und bisherige Variationen des Stoffs zu einer einheitlichen Darstellung verband. Thema der vor dem Hintergrund der Rosenkriege angesiedelten und21 Bände umfassenden Prosasammlung ist die nostalgische Trauer um den Untergang der Ritterwelt, als deren optimale Herrscherfigur Artus auftritt, sowie die Suche nachreligiösem Heil, symbolisiert im Gral. Le morte Darthur ist das erste große Prosaepos der englischen Literatur. 4 RENAISSANCE UND BAROCK Mit der Herrschaft des Hauses Tudor (1485) begann die Phase der neuenglischen Literatur, deren Verbreitung mit der Einführung der Druckerpresse 1476 durch WilliamCaxton noch beschleunigt wurde; erstes gedrucktes Buch war Malorys Le morte Darthur, dessen Titel von Caxton stammt. Parallel hierzu schuf die Ausbildung einer größeren Mittelschicht sowie eine Erhöhung der Alphabetisierungsrate eine umfangreiche Leserschaft. (Allerdings konnte sich die Literatur der Renaissance erst unterKönigin Elisabeth I. – im so genannten Elisabethanischen Zeitalter von 1558 bis 1603 – voll durchsetzen.) Auch die Reformation trug zu einer geistigen Liberalisierung bei. Orientiert am Neuplatonismus und dem Bildungsideal Erasmus’ von Rotterdam (der zeitweilig selbst in England lebte), förderte der Humanismus das Studium klassischerLiteratur und propagierte einen Gelehrtentypus, dessen höchstes Ziel in der Hervorbringung eigener (auch literarischer) Werke bestand. Diesen Vorstellungen gemäßwurden vor allem in Cambridge zumeist an antiken Vorbildern orientierte Schriften produziert. Der bedeutendste humanistische Schriftsteller Englands war Sir ThomasMore, der in seinem in Latein verfassten Roman Utopia (1516) einen demokratischen, auf Gemeinschaftlichkeit ausgerichteten Idealstaat entwarf und ihn scharf gegen das von ihm kritisierte englische Staatssystem abzugrenzen suchte. Mit diesem als dialogischen Reisebericht ausgewiesenen Buch begründete More die Gattung der Utopie. Die Lyrikproduktion um 1500 ist vom Versuch geprägt, eine dem Lautwandel des 15. Jahrhunderts angemessene Verskunst zu entwickeln. Unter den Dichtern der erstenHälfte des 16. Jahrhunderts ragt John Skelton heraus, der am Knittelvers orientierte antihöfische und antiklerikale Satiren schrieb, darunter The Bowge of Court (1498, Das höfische Narrenschiff ). Nach 1575 wurden vor allem die in den Diensten Elisabeths I. stehenden Literaten Sir Philip Sidney und Edmund Spenser von der stilistischen Vielfalt der italienischen Renaissancedichtung inspiriert. Mit Astrophel and Stella (1591, Astrophel und Stella ) begründete Sidney eine literarische Mode des Elisabethanischen Zeitalters: den an der italienischen Sonett-Tradition orientierten Sonettzyklus. Wie in der englischen Literatur des 16. Jahrhunderts öfters, so wird auch in Astrophel and Stella ein an Dante und Petrarca geschultes Idealbild der geliebten Frau entworfen. Mit dem auf antike Vorbilder zurückgreifenden Langgedicht Faerie Queene (Fünf Gesänge der Feenkönigin), das zwischen 1590 und 1609 in sieben Büchern erschien, schrieb Spenser eines der populärsten Werke seiner Zeit. Dabei verknüpfte er ritterliche Tugendvorstellungen und die Darstellung eines weiblichen Idealbilds mit einer Huldigung Elisabeth I. Wie Skelton, dessen innovativen Verse als Skeltonics bekannt wurden, entwickelte auch Spenser für die Faerie Queene eine neunzeilige Strophenform aus acht jambischen Fünfhebern und einem ausklingenden Alexandriner, die so genannte Spenserstrophe . Spensers dichterisches Selbstverständnis ähnelte dem Sidneys, der seine Poetologie 1583 in der posthum herausgegebenen Streitschrift The Defence of Poesie (1595, Die Verteidigung der Dichtung ) formulierte: Hier wie dort erscheint der Dichter als gottähnliche Instanz, deren Aufgabe in der Schöpfung einer moralisch wie ästhetisch vollkommenen Welt besteht. Das Renaissancedrama basierte vorwiegend auf dem mittelalterlichen Mysterienspiel und der von Wanderbühnen zur Schau gestellte Moralität. Zwischen 1580 und 1642, biszur Schließung der Londoner Theater durch die Puritaner also, wurden zahlreiche Komödien, Tragödien und Tragikomödien für die dortigen Bühnen verfasst. DasRenaissancedrama orientierte sich zumeist an klassischen Vorbildern, vorwiegend an Werken von Terenz, Plautus oder Seneca; so nimmt etwa The Spanish Tragedy (1594, Die spanische Tragödie ) von Thomas Kyd deutlich auf Seneca Bezug. Mit seinen äußerst bühnenwirksamen Dramen beeinflusste Kyd die psychologisch differenziertere Rachetragödie, für die William Shakespeares Hamlet das gelungenste Beispiel ist. Christopher Marlowe stellte machtgierige Renaissancemenschen in den Mittelpunkt seiner Tragödien Tamburlaine (1590, Tamarlan der Große ) und Edward II (1594, Eduard II .). Bemerkenswert an Marlowes Dr. Faustus (1604, Doktor Faustus ) um den Faust- Mythos und The Jew of Malta (1633, Der Jude von Malta ) ist vor allem der Versuch seiner Charaktere, das klerikale Weltbild des Mittelalters und die damit verbundenen Wertmaßstäbe zu zerstören. Auch die höfischen Komödien John Lylys, darunter Alexander and Campaspe (1584, Alexander und Campaspe ), die mit phantastischen Elementen durchsetzten Dramen George Peeles ( The Old Wives’ Tale, 1595), Robert Greenes und A. Mundays sowie die bürgerlichen Trauerspiele eines Thomas Heywood gehörten zum zeitgenössischen Repertoire. Greenes Pandosto. The Triumph of Time (1588, Pandosto. Der Sieg der Zeit ) diente später Shakespeare als Quelle für sein Wintermärchen . 4.1 William Shakespeare Bereits zu Lebzeiten galt William Shakespeare als wichtigster Dramatiker seiner Zeit. In seinen gegen die Regelpoetik auch der Renaissancedramen gerichteten Komödienund Tragödien, die Pathos und Komik, Derbheit und Sentimentalität, Rationales und Absurdes mischen, spiegelt sich ein komplexes Weltbild, das die hierarchischenVorstellungen des Mittelalters weit hinter sich lässt. Seine Stoffe entnahm Shakespeare antiken und zeitgenössischen Autoren (Plutarch, Boccaccio, Chaucer etc.). Vor allemdas Frühwerk ist deutlich von den Dramen Marlowes, Lylys und Greens geprägt. Zu Shakespeares herausragenden Komödien zählen As You Like It (um 1599, Wie es euch gefällt ) und Twelfth Night or What You Will (um 1600, Was ihr wollt ), zu seinen großen Tragödien Hamlet (um 1601), Othello (um 1604), King Lear (um 1605, König Lear ), Macbeth (um 1606) und Antony and Cleopatra (um 1606, Antonius und Kleopatra ). Shakespeares eher düsteres Frühwerk diente dem Dramatiker John Webster als Vorbild für seine Tragödien The White Devil (1612, Der weiße Teufel ) und The Duchess of Malfi (1613-1614, Die Herzogin von Amalfi ). Auch die Blut- und Rachetragödien von George Chapman, wie The Conspiracy and Tragedy of Charles, Duke of Byron (1608) und Caesar and Pompey (1631), und John Marston, so Antonio’s Revenge (1602), wären ohne Shakespeare undenkbar. Die Entwicklung des englischen Dramas nach Shakespeare wurde wesentlich von Ben Jonson geprägt, dessen satirische Komödien in einer für die Zeit eher untypischennüchternen Sprache gesellschaftliche Laster bloßstellten. Mit Every Man in His Humour (Uraufführung 1598, Jedermann auf seine Art ) und Every Man Out of His Humour (1599), dem längsten Stück in der englischen Theatergeschichte, legte Jonson den Grundstein für die Comedy of humours, einer Art Typenkomödie mit Charakteren, deren Wesenszüge betont und bloßgestellt werden. Mit Dramen wie Volpone (1606, Volpone oder der Fuchs ) und The Alchemist (1610, Der Alchemist ) bestimmte er die Komödienkultur der Restaurationszeit nach 1660. Zwei Schüler Jonsons, Francis Beaumont und John Fletcher, machten mit ihren Gemeinschaftsproduktionen dieTragikomödie populär, indem sie etwa in Philaster (um 1610, Philaster oder die Liebe blutet ) moralisch zweideutige Situationen und frivole Wortgefechte mit sentimentalen Sentenzen kombinierten. Als bedeutendste Stückeschreiber für die Schauspieltruppe The King’s Man hatten sie um 1609 Shakespeare in dieser Funktion offenbar verdrängt. Zu den wenigen Prosawerken der englischen Renaissanceliteratur gehört Sidneys pastoraler Roman Arcadia (um 1580) und Lylys Euphues, or the Anatomy of Wit (1578, Euphues oder Die Anatomie des Witzes ) bzw. Euphues and His England (1580, Euphues und sein England ); letztere stellen in einen fiktiven Erzählrahmen eingebettete Reflexionen über Liebe und Religion dar und sind zudem zwei herausragende Beispiele für die englische Prosaliteratur des 16. Jahrhunderts. Sidneys und Lylys Werkezeichnen sich durch eine geschraubte Diktion und eine manieriert-artifizielle Syntax aus; dieser nach Lylys Roman so genannte euphuistische Stil fand Nachahmung in den Romanzen Robert Greenes und Thomas Lodges, der mit dem Liebesepos Scillaes Metamorphosis (1589) von sich reden machte. Hingegen tat sich Thomas Nashe durch beizeiten derb klingende Schelmenromane hervor: Sein The Unfortunate Traveller, or The Life of Jack Wilton (1594, Der unglückliche Reisende oder Die Abenteuer des Jack Wilton ) ist das früheste Beispiel eines pikaresken Romans in englischer Sprache. Erzählungen aus dem Kleinbürgermilieu verfasste T. Deloney; Thomas Dekker wurde – außer mit Dramen wie Old Fortunatus (1600, Fortunatus und seine Söhne; auch: Der alte Fortunatus ) – mit Satiren und Flugschriften bekannt, die sich oftmals in humoristischer Form mit dem englischen Alltagsleben auseinandersetzen. Außerdem entstanden Schwanksammlungen und zahlreiche Pamphlete. Erwähnenswert ist auchdie englische Übersetzung der Bibel, die so genannte King James Bible von 1611. Damit war ein zweihundert Jahre zuvor begonnenes Projekt zum Abschluss gekommen. Wortschatz, Metaphorik und Satzmelodie übten entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der englischen Literatur, namentlich auf die von Mystik durchzogene »

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